Gedanken

Arm und Reich- ein Spaziergang durch mein Viertel

Was ist das kostbarstes, das es zu bewachen gibt? Den teuren Benz? Den Flachbildschirm? Juwelen?

 

Ich hätte viel mehr Angst um meine innere Befindlichkeit. Menschen können einem die Würde rauben, seelische Wunden zu fügen…aber- was besitze ich, das ich bewachen lassen würde?

 

Ich latsche (in Namibia geht man nicht, man latscht) durch mein Viertel, Eros, in Windhuk. Die Sonne ist untergegangen, der Himmel ist rosa, pink, orange, das all abendliche wundervolle Schauspiel. Die Hügel sind grün, es hat geregnet. Ich latsche und luge neugierig in die Vorgärten meiner Nachbarn- wenn sie denn zu sehen sind. Meistens sieht man nur Elektrozäune und Mauern, die die Häuser schützen… und hört Hund kläffen, sobald man vorbei geht. Ein Hund bellt mich heiser an. Dogcity, nenne ich das, denn oft nachts, geht es los: aus einer Ecke des Viertels bellen Hunde, von der anderen Ecke schnauzen sie zurück, aus allen Winkeln jault und heult es…dann wieder Ruhe. Eine halbe Stunde später geht es von vorne los. Man hat den Eindruck, es gibt mehr Hunde als Menschen in diesem Viertel.

 

Von irgendwoher ertönt leise klassische Musik, ich sehe ein FC Bayern München Aufkleber auf einem Auto.

 

Ich betrachte alles und frage mich, was passieren würde, wenn die Menschen hier ohne Zäune und Mauern leben würden. Würde das Chaos ausbrechen? Krieg? Arm gegen Reich? Menschen aus Katutura würden Raubzüge starten? Anarchie? Wer würde überleben? Würde am Ende ein Feuer gelegt werden und alles in Schutt und Asche untergehen? Klar, nur die deutschen Kolonialbauten würden als Ruinen stehen bleiben, die Deutschen haben ja solide gebaut in diesem Land.

 

Aber so weit wird es nie kommen; jedoch es ist ein interessantes Gedankenspiel, dem ich mich hingebe. Abends acht Uhr, ich höre nur den Wind in den Hügeln und das surren der Elektrozäune. Sonst ist es still. Man könnte fast sagen tot- aber nein, Menschen leben hier, man sieht sie nur nicht.

 

Mein Nachbar gegenüber hat eine sechs Meter hohe Mauer inklusive schwerem Eisentor, das ratternd aufgeht, wenn er hindurchfährt. Ich habe ihn noch nie gesehen, nur seinen eigenen Security-Guard, der jeden Abend um sieben vor dem Tor abgeladen wird und seine Schicht antritt. Von meiner Terrasse aus kann ich das Wärterhäuschen sehen. Dort befindet sich der Wächter die ganze Nacht, öffnet manchmal das Tor für Besucher oder Bewohner, man weiß es nicht. Was treibt er sonst während die Nachbarschaft schläft? Ihm muss furchtbar langweilig sein.

 

 

 

Ich reise jeden Tag zwischen zwei Welten hin und her. Gestern Vormittag frühstückte ich mit einem Bekannten in einem netten Café, dann waren wir noch kurz bei ihm und ich hing meine Füße in seinen Swimmingpool. Anschließend machte ich mich auf den Weg nach Katutura: Laut, chaotisch, bunt, schmutzig, lebhaft. Keine Swimmingpools...

 

In Katutura gibt es ein Nachtleben: Shebeens (Bars) haben weit in die Nacht geöffnet. In Windhoek City werden abends die Gehsteige hochgeklappt. Okay, eine Handvoll Bars hat bis zwei Uhr geöffnet.

 

Aber ansonsten ist es still in Windhoeks Innenstadt zur nächtlichen Stunde.

 

Ich gehe weiter und frage mich:

 

Wollte ich so für längere Zeit leben? Hinter Mauern und Elektrozäunen mit Stacheldraht?

 

Aber mehr treibt mich die Neugierde um, was die Nachbarn so treiben.

 

Das bleibt für immer ein Geheimnis, wenn ich nicht an dem schweren Eisentor klingeln will…Wahrscheinlich gibt es keine Klingel, der Wächter hat die Besucher im Blick. Warum bauen sie nicht gleich einen Burgraben um ihre Villa, mit Hängebrücke, die ausgeklappt wird, das wäre doch Mal eine Attraktion für Besucher. Aber halt, Burgen gibt es hier in Windhoek ja schon. Genau, Burgen, wie die Heinitzburg, ein nobles Hotel. Von Deutschen gebaut. Hatten wohl Heimweh und haben sich gedacht, sie setzen eine Burg auf einen Hügel. Hier in Namibia, Afrika.

 

Ich latsche nach Hause, vorbei am schmiedeeisernen Tor des rätselhaften Nachbarn.

 

Was ist das kostbarstes, das es zu bewachen gibt? Den teuren Benz? Den Flachbildschirm? Juwelen?

 

Ich hätte viel mehr Angst um meine innere Befindlichkeit. Menschen können einem die Würde rauben, seelische Wunden zu fügen…aber- was besitze ich, das ich bewachen lassen würde?

 

Ja, Katutura mag nicht ungefährlich sein. Dort gibt alle Brutalitäten, die man sich vorstellen kann…und jeden Montag im Polizeibericht in den Zeitungen findet.

 

 Dort tobt das Leben in allen Facetten. Könnte ich dort wohnen? Freunde, die dort leben, wollen nicht fort, auch wenn sie das Geld dazu hätten. Sie würden die Community vermissen. Den Schwatz mit den Nachbarn, die Musik, die spontanen Kwaito-Tänze der Kinder; ja, Kinder spielen dort auf der Straße. Hier in Eros sehe ich nie Kinder auf der Straße spielen. Das wäre wohl zu gefährlich…

 

 

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