Dear Montreal,

Nun, drei Jahre später, lief ich die gleiche Straße entlang, um zu sehen, ob das Gebäude noch steht. Ja, das tut es, beinahe konnte ich Amy am Fenster sehen, so wie damals, an jenem Morgen.

Vor drei Jahren an jenem Morgen schlenderte ich also die Straße hinunter, nach meinem Frühstück im St. Viateur. Ich übernachtete in einem Zimmer, das ich auf airbnb gefunden hatte, bei Amy. Doch an jenem Tag war es unmöglich in die schöne Altbauwohnung zu gelangen. Der Balkon war hinunter gekracht - mitten auf dem Gehweg lagen Backsteine, Betonstücke und Teile des Geländers verteilt. Die Kreuzung war von Polizei und Feuerwehr abgestperrt und Amy rief mir etwas aus dem Fenster zu. Über eine Feuerleiter musste sie das Gebäude verlassen. Aufgeregt standen wir auf der Straße und konnten nicht glauben was geschehen war. Der Balkon krachte einfach so hinunter, mit einem Knall wirbelte er Staub auf. Zum Glück wurde niemand verletzt. Doch Amy konnte nicht mehr in ihr Appartment zurück. Amy würde auch später nicht mehr in ihre Wohnung zurückkönnen, Schlag auf Schlag würde sich ihr Leben verändern. So wie meines - ich hatte mir eine Veränderung gewünscht. War auf dem Weg nach Deutschland, nach zwei Jahren in Kanada - die meiste Zeit davon im Yukon. Und nun flackerte eine leise Hoffnung in mir auf. Mein Gepäck, mein Reisepass, ich sah das Gebäude in sich zusammenstürtzen, meine Identität unter sich begrabend...Doch das passierte nicht. Ich bekam mein Gepäck, meinen Pass, und Amy bekam einen Gutschein für ein Hotelzimmer, das wir uns teilten. Es war das Ende meiner Zeit in Kanada, und nichts konnte die Lücke füllen, die diesen Jahren folgen würde...

 

Amy faszinierte mich, sie war nicht nur hübsch, sondern schien alles zu haben, das Altbau-Appartment, (bevor der Balkon herunterkrachte) einen Freund, der Buschpilot war, außerdem kam sie aus dem Norden, war halbe Inuit. Das verband uns und als sie sich um das Elch-, Karibu- und Walfleisch in ihrer Gefriertruhe sorgte, verstand ich sie. Ihr Bruder jagte im hohen Norden und Amys Freezer war voll. Nun würde sie nicht nur ihr Fleisch verlieren, sondern alles, was ihr Heim ausmachte.

Menschen die im Norden Kanadas leben, nennen sich Northerner, es ist etwas, eine Mentalität und Lebensart, die die Menschen im Süden nicht verstehen.

Und ich? Meine Identität? Ich war ja nur eine Zugezogene, und doch: Ein Sourdough, so darf man sich nennen, wenn man alle Jahreszeiten im Yukon überstanden hat. Und die hatte ich durchlebt, den Winter zweimal. Und nun? Auf dem Weg nach Hause.

Liebes Montreal, drei Jahre später flaniere ich wieder durch deine Straßen und Altstadtgassen sitze in einem Café ein paar Blocks von Amys ehemaliger Wohnung entfernt und denken an jene Zeit. Drei Jahre ist es nun her und ich verbringe nun zwei Wochen hier, um ein neues Buch zu schreiben.

Was wäre aus mir geworden, würde ich immer noch in Kanada leben? Könnte ich in Montreal leben? Auf einmal sehe ich so viele Bilder, wie einen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten. Im Kopf spiele ich verschiedene Leben durch. Ein Tag in meinem imaginären Leben in Montreal. Ich bin Autorin und Journalistin und lebe im Plateau in einer Altbauwohnung wie Amys. Ich kenne den Blumenverkäufer, den Coffeeshop-Besitzer und orientalischen Ladenbesitzer in meinem Viertel. Ich schreibe ein neues Buch, ich unterrichte vielleicht Deutsch am Goethe Institut, ich treffe andere Autoren in einem Writers Club...das, was ich tue, ist das gleiche, das ich nun auch mache.

 Doch spielen Orte wirklich so eine große Rolle? Dear Montreal, für mich bist du etwas ganz besonderes, aufregend, elegant, charmant und nostalgisch. Deine französische Seele hat das Herz eines Pioniers, du bist stolz auf deine Altstadt-Gassen, und deine Gebäude. Wenn nicht gerade aus heiterem Himmel ein Balkon von ihnen hinunter stürzt.