Besuch im National Theater mit zehn Kids aus Katutura

Gibt es im Theater Popcorn? Einen roten Vorhang? Gibt es eine Diskokugel? Diese und andere Fragen haben die zehn Kinder, die wir am Samstag mit ins National-Theater in Windhoek nehmen wollen, an uns.
Keiner von ihnen hat je ein Theater von innen gesehen. Tamsen und ich wählten die zehn talentiertesten Kids unserer Workshopos aus, um ihnen ein Besuch im Musical »District Six« zu sponsern.
Ich verlegte meinen Flug, damit wir ins Theater können. Denn als ich erfuhr, dass es für Freitag keine Tickets mehr gab, war ich enttäuscht. Kurzer Hand überlegte ich meinen Flug umzubuchen- und tat es dann auch. Es ist mir so wichtig, dass die jungen Schauspieler einmal Theater hautnah erleben können.
Wir kaufen die Tickets. Dann müssen Elternbriefe geschrieben werden, der Transport von Katutura nach Windhoek organisiert werden. Ich telefoniere mit der Regisseurin, um zu erfahren, ob der Hauptdarsteller hinterher noch mit den Kindern sprechen kann.

Im Musical Disctrict Six geht es um ein Stadtviertel in Kapstadt, in welchem vor der Apartheid Menschen alle Hautfarben friedlich zusammenlebten. Was passierte, als die Regierung die Schwarzen aus dem Viertel vertreibt, zeigt das Musical. Eine Liebesgeschichte, ein Gangster und ein Straßenjunge kommen ebenfalls darin vor.


Freitagnachmittag: Wir coachen die Kinder, wie man sich im Theater verhält. Wie setzt man sich hin? Wir erklären, dass es während er Vorstellung kein Popcorn gibt und proben das Einlaufen ins Theater. Beantworten viele Fragen und machen noch einmal klar, dass jeder sich respektvoll den Schauspielern auf der Bühne gegenüber verhalten soll. Außerdem schärfen wir unseren Kids ein, darauf zu achten, wie die Darsteller spielen: Stimme, Bühnenspannung und Ausdruck.
Wir erklären, um was es im Stück geht und gehen kurz auf die Zeit der Apartheid ein.
Tamsen und ich sind ein eingespieltes Team, ich übernehme meist die strenge Lehrerinnen-Rolle, er dagegen ist eher der Kumpel-Typ für die Kinder.

Samstagmorgen: Mein Telefon läuft heiß, manche Eltern verstehen nicht so gut Englisch und haben viele Fragen. Ein Mädchen wurde morgens um sechs Uhr von ihrer Mutter geweckt, dabei stand im Elternbrief, dass die Vorstellung abends beginnt.
Ich werde langsam nervös- ob auch alles gut geht? Werden die Kinder pünktlich am Treffpunkt erscheinen? Loides Vater wird uns in seinem Bakkie (Pick-Up) ins Theater fahren- hoffentlich hat er es nicht vergessen...man weiß ja nie. Was, wenn ein Kind fehlt? Dann sitzen wir auf den Tickets. Umgerechnet zehn Euro haben wir pro Ticket bezahlt. Die Spannung steigt, als ich im Taxi nach Katutura fahre. Unterwegs hole ich noch Megameno ab, deren Mutter mich gefühlte hundert Male angerufen hat, und die sichergehen will, dass ihre Tochter heil ankommt. Wir treffen uns vor dem BNC- und alle sind pünktlich! Bis auf Aili, die in letzter Minute erscheint. Die Stimmung ist ausgelassen, die Kinder singen während der Fahrt und kreischen, als wir an einem Plakat des Musicals vorbeifahren.

Im Theater
Loides Vater liefert uns ab und wir haben noch Zeit, um auf die Toilette zugehen und im Theaterfoyer herumzustehen. Die Spannung steigt, als die Tür zum Theatersaal geöffnet wird und wir hineinspäen. Wie vorher geprobt marschieren wir ein, ich vorne, die Kinder in einer Reihe hinter mir, Tamsen als Schlußlicht. Wir sitzen alle zusammen. Ungeduld und Spannung bevor es losgeht. Soviele Weiße sind hier, flüstert mir ein Mädchen zu. Und einer der Jungs möchte unbedingt ein blondes Mädchen in der Pause anquatschen. Alle albern herum. Doch als sich der Vorhang öffnet, herrscht Ruhe.
Die Schauspieler sprechen Englisch und Afrikaans im Stück. Die Kids lachen über Witze, verfolgen gespannt das Geschehen auf der Bühne und jubeln nach jedem Song.

Würmer in der Pause
In der Pause sprechen wir über das Stück und essen unsere mitgebrachten Snaks. Tamsen spendiert eine Schale Mopane-Würmer, die es im benachtbarten Restaurant gibt. Glückliche Gesichter und volle Münder. Ja, den Kindern ist aufgefallen, dass die Schauspieler all das praktizieren, was die Kids von uns im Workshop täglich zu hören bekommen: Stimme soll laut und klar sein, niemals mit dem Rücken zum Publikum und jeder bleibt in seiner Rolle. Im zweiten Teil des Musicals, wird die Lage der Menschen in District Six dramatischer. Es gibt Vertreibungen und am Ende stirbt der Hauptdarsteller durch einen Revolverschuß, der uns alle erschreckt, die Kids halten sich die Ohren zu. Blut spritzt über die Bühne.

Verliebt in den Hauptdarsteller
Nach der Show treffen wir die Regiesseurin und Patrick, den Hauptdarsteller. Die Kids stürmen auf ihn zu und äußern ihre Freude darüber, dass er noch am Leben ist. Sie wollen wissen, woher das Blut auf der Bühne kam. Nach zwei Stunden stillsitzen ist die Bande aufgedreht. Es ist elf Uhr abends, unser Shuttle wartet schon. Alle sprechen durcheinander. Und dann als wir im Minivan sitzen geht es los: Die Mädels schwärmen von Patrick, und das die ganze Stunde lang, die wir brauchen, um jedes einzelne Kind in verschiedenen Teilen von Katutura abzuliefern. Unser Fahrer freut sich über die Unterhaltung der Kids, sonst kutschiert er Touristen herum.
Spannend wird es, als wir zwischen Wellblechhüten auf einer schmalen Straße entlang fahren und uns ein Auto entgegen kommt. Aber unserer Fahrer meistert das locker. Auch als wir durch die berüchtigte »Evelyn-Street« kommen, geht alles gut. Dort reiht sich Shebeen (Bar) an Shebeen und es gibt regelmässig Raubüberfälle und Messerstechereien in der Nacht. Um halb eins haben wir alle Kinder sicher zu Hause ebgeliefert.

Resumee
Tamsen und ich sind glücklich, dass wir den Abend so gut gestemmt haben. Trotz besorgter Eltern, die nachts um elf anriefen, und fragten wo ihre Kinder blieben. Die nächtliche Fahrt durchs Township war spannend. Wir hoffen beide, dass die Kids ihren Ausflug ins Theater nie vergessen werden und viel gelernt haben. Ein Mädchen sagte später, es sei der schönste Abend ihres Lebens gewesen.

 

 

Auch ich war einmal ein schüchternes Kind, das nicht auf die Bühne mochte. Und es dennoch wollte- sich aus dem Panzer schälen, ins Licht der Scheinwerfer treten. Denn dort oben herrscht die Freiheit des Ausdrucks.

 

In Namibia dient die Sonne als Scheinwerfer. Die ganze Welt ist Bühne, besonders hier. Die Menschen sind ausdruckstark in Gesten und Worten, allein das Gespräch mit dem Taxifahrer klingt wie Musik.

 

Ich kam hierher mit meiner Mission: Creabuntu- mein Kunstprojekt. Das hört nicht auf, wenn ich nun nach Deutschland reise, es fängt erst richtig an. Ich arbeite mich durch den Papierkram, um meine Hilfsorganisation zu starten. Hier in Namibia: eine Kunstschule für Kinder und Jugendliche.

 

Es geht nicht darum, dass die Kinder einmal künstlerische Berufe ergreifen. Es geht um kreative Fähigkeiten: Der Schritt ins Licht, ein schüchternes Kind lernt sich auszudrücken, laut zu sprechen, klare Gesten zu setzten. Die Erkenntnis über seinen Schatten zu springen lässt es innerlich wachsen.

 

Oder darum während dem Zeichnen und Malen Sorgen und Ängste loszulassen und auf Papier zu bannen. Sich mit der eigenen Kultur zu verbinden, zu singen, zu tanzen. Texte zu verstehen und auswendig zu lernen für ein Theaterstück. Ein Team zu sein, die anderen Kinder zu motivieren. Gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

 

Ich habe eine Vision und ich sehe sie vor mir. Ein Ort, an dem Kinder frei lernen und kreativ sein können. Staffeleien und Material stehen herum, ich sehe ein Studio, es duftet nach Ölfarben. Ich erblicke eine Bühne mit rotem Vorhang: hier finden Aufführungen statt. Die kompletten Gebäude der Schule sind bunt, wie Katutura selbst. Aufregung und Freude, hier in meiner Kunstschule- Und: Freiheit.

 

All das sehe und fühle ich.
Doch wie geht es nun konkret weiter mit Creabuntu?
Sobald meine Organisation angemeldet ist, kann ich starten. Die Papiere werden diese Woche im Ministerium eingereicht.

 

Das heißt für mich, in Deutschland die Finanzierung zu klären.

 

Dann kehre ich nach Namibia zurück und fange an, indem ich die Workshops zu den Kindern in Schulen und After-School-Programms bringe. Ich habe schon ein paar lokale Künstler mit an Bord- das Netzwerk wächst.

 

Während die Workshops laufen, kann ich nach einem Standort für die Schule suchen.

 

Katatura hat mich- ich fühle mich zuhause dort- am richtigen Ort.

 

Ich liebe, was ich tue: Theaterworkshops.

 

Proben mit den Kindern, die vielen großen und kleinen Befindlichkeiten, ich lerne selbst dabei und mache viele Erfahrungen: Der Junge, der zehn Minuten vor der Aufführung nicht auftreten wollte; erst wusste ich nicht was tun, dann motivierte die ganze Truppe den kleinen Schauspieler. Am Ende fand ich die Kids betend im Kreis stehen und das Theaterstück zu Valentinstag wurde ein Erfolg. Lampenfieber ist nervenaufreibend, schweißt aber auch zusammen.

 

Manchmal muss ich von einer Minute auf die andere eine Lösung finden, anderes Mal einen Schrei loslassen.

 

 Die letzte Woche meiner Testphase bricht an und ein Highlight wird sein, dass wir am Freitag 15 Kinder von Katutura ins National Theater Namibia mitnehmen- wir schauen zusammen ein Musical an. Das ist ein kleines Geschenk an die talentiertesten Kinder, damit sie sehen, wie sich Theater live anfühlt.

 

„They will not become actors when they grow up“- „Sie werden nicht Schauspieler, wenn sie erwachsen sind“, sagte vergangene Woche jemand zu mir. Denn in Namibia gibt es wenig Arbeit für Schauspieler. Keine Schauspiel- und Theaterszene wie wir das in Deutschland haben. Dennoch kann man es hier schaffen, wenn man hart arbeitet. Es gibt immer einen Weg. Mag sein, dass die Kinder keine Schauspieler werden, dennoch; wenn das schüchternste Kind in der Truppe Selbstbewusstsein und Freude durch meinen Workshop erlang hat, habe ich schon viel erreicht.

 

BÜHNE FREI für die vierte Woche Schauspielworkshop in Katutura

 

Ich bin mit der Hilfsorganisation SCORE unterwegs. SCORE veranstaltet normalerweise Fußball-Trainings: Better Life Through Sports ist deren Motto.
Sie sind offen für meinen Theaterworkshop und Koordinatorin Hulda hat für mich eine Halle in der Dr. Frans Aupo Indongo School in Okahandja Park organisiert. Sie ist ein Energiebündel und redet auf mich ein, erwähnt am Telefon etwas von sechzig Kindern. Was?! Na gut, irgendwie schaff ich das schon.
 Als wir am Montag mit dem Taxi losfahren, weiß ich noch nicht, wohin die Reise gehen wird. Irgendwo in Katutura- im Internet konnte ich die Schule nicht finden. Als Hulda den Fahrer fragt, ob er mit seinem Auto auf einer Schotterstraße fahren kann, stutze ich: Schotterpiste?
Bevor wir losgefahren sind, haben wir noch schnell Toast, Butter und Marmelade für Sandwiches besorgt. Die Kids sollen nicht mit leerem Magen am Workshop teilnehmen. Wir fahren nach Katutura. Tief in den Stadtteil hinein, vorbei an den Single Quaters, dem Fleischmarkt, Richtung der Hügel in der Ferne. Die soliden Häuser verschwinden, ein Tal aus Blechhütten öffnet sich unserem Blick. Das Taxi fährt weiter. Eine Schotterstraße, daneben Wellblechhütten auf sandig roter Erde gebaut. Die Schule befindet sich am Ende der Straße. Hier geht es nicht weiter, es wirkt wie das Ende der Welt. Hügel und Blechhütten markieren den Horizont.
In der Küche der Schule schmieren wir Marmeladen-Sandwiches. Dann geht`s in die Halle, ein großer Raum mit einer Bühne. Endlich eine Bühne. Diese ist allerdings mit Gerümpel vollgestellt und staubig. Die Volunteers von SCORE versprechen, die Bühne am nächsten Tag zu räumen.
Und: Ich habe “nur“ vierzig Kinder im Workshop.
Die Kinder bekommen Lunch und sogleich fällt mir auf, dass die Kids ruhiger sind, im Vergleich zu den Kids im BNC. Keiner zieht an meinen Haaren, alle essen in moderater Lautstärke ihre Sandwiches. Dann geht’s los. Ich teile die Kinder in zwei Gruppen ein, Gruppe Zwei spielt mit SCORE im Pausenhof, während Gruppe Eins in der Halle mit Theaterübungen anfängt. Die Kids sind sehr aufmerksam und interessiert. Ich veranstalte Kennenlern-Spiele und gemeinsam erörtern wir Fragen wie: Was ist der Job eines Schauspielers? Was ist Theater? Später improvisieren wir in Zweiergruppen. Erstmal spielt jeder die Rolle seines Spielpartners, schlüpft in dessen Schuhe, was eine bewährte Übung ist, um ein Gespür für sein Gegenüber zu bekommen. Danach zieht jeder eine Karte mit einer Rolle. Eines der Kinder hat das Kärtchen mit dem Astronauten bekommen, weiß aber nicht was das sein soll. Das selbe mit der Alien-Karte. Keiner weiß, was ein Alien ist. Okay, am Ende spielen die Kids einfach eine Rolle, die sie mögen. Ingenieur, Pirat und Pilot stehen bei den Jungs an. Die Mädels spielen Farmer oder Fee.
Der erste Tag verläuft super, da die Kinder ihr Bestes geben, manche sind schüchtern, aber bis Mitte der Woche, ist das überwunden. Und die Bühne ist frei! Ich bin glücklich und inspiriert, ein Theaterworkshop mit Bühne, was wünscht man sich mehr. Auch die Kids spüren, was es für einen Unterschied macht, auf den Brettern die die Welt bedeuten zu stehen und in ein Publikum zu blicken. Die Volunteers von sind zuverlässig, Hulda die Koordinatorin ist ein sehr wach und offen. Sie erzählt mir, dass es oft hart ist, den Eltern die Notwendigkeit von Sport zu erklären. Denn manche der Eltern, hätten in ihrem Leben nie Freizeit gehabt und verstehen nicht, warum ihr Kind nachmittags Fußballtraining oder Schauspiel haben soll, wenn es genauso gut arbeiten könne. Es fehle oft das Bewusstsein für Freizeitgestaltung. Hulda arbeitet schon jahrelang für SCORE und weiß, wovon sie spricht.


Die tägliche Reise
Mit dem Taxi fahren wir jeden Tag 30 bis 40 Minuten nach Okahandja Park. Es kommt mir vor wie eine Reise, ein Reise zwischen zwei Welten. Die Schüler leben teilweise in Haushalten mit Außen-Badezimmer (Ein Bretterverschlag mit Plastikwasserschüssel.) Strom haben auch nicht alle Zuhause. Die Wellblechhütten (Metalhouse – sagt Hulda dazu, die auch in solch einem wohnt). Sind auf Sand gebaut. Während der Woche erschöpfen mich die ganzen Eindrücke. Fast kommt es mir vor, als befinde ich mich in einem Dorf. Hühner gackern in Müllhäufchen und Fleischstücke hängen an einer Leine zum Trocknen.
Es gibt keine Grauzone zwischen Hier und Dort, zwischen Arm und Reich.
Komme ich zurück nach Eros, das Viertel in dem ich wohne, brauche ich erst einmal eine Pause. Sand haftet an meinen Sandalen. Ich laufe in den Supermarkt, alles ist sauber und ordentlich. Ich wasche meine Wäsche in einer Waschmaschine- in Okahandja Park sehe ich täglich Frauen Wäsche waschen; von Hand.
Diese Kontraste muss ich verarbeiten. Ich versuche mich nicht von Emotionen fortschwemmen zu lassen, denn Okhandja Park ist Realität. Was wird mein Mitgefühl ändern? Seltsam ist es aber schon. Ich komme in meine Wohnung, voller Eindrücke aus der Schule und die Fahrt durch Okahanja Park, finde eine Sprachnachricht einer Freundin auf meinem Handy: Sie hat Männerprobleme und braucht einen Rat. Im Moment erscheinen mir ihre Fragen, und auch meine eigenen persönlichen Befindlichkeiten, unwichtig und fern. Von denen will ich gerade nichts wissen, ich sitze erstmal einfach nur auf der Terrasse, schaue auf die Mansions in den Hügeln meiner Nachbarschaft und überlege, wie ich mit diesen zwei Kontrasten umgehen soll. Arm und Reich. Und mit meinen Emotionen?
Armut- dafür gibt es viele Gründe. Fakt ist, Namibia ist ein reiches Land. Diamanten, Uran und andere Bodenschätze, Gelder aus der deutschen Entwicklungshilfe und, und, und... Die Regierung ist wohlhabend. Wie kann es dann sein, dass Menschen so leben wie in Okahandja Park?
Die Einstellung der Leute dort ist unerschütterlich. Life goes on- das liest man an vielen Wänden in Katutura- aufgesprayt als Erinnerung oder ermahnung.
Das Leben geht weiter- immer.
Auf den ersten Blick wirken die Menschen fröhlich- keiner steckt den Kopf in den Sand, auch wenn letzterer in Hülle und Fülle vorhanden wäre. Lachen oder weinen- und hier wird gelacht, auch wenn es nichts zu lachen gibt. Lachen ist heilend, auch befreiend- für einen Moment.
Als Europäer neigt man dazu, dieses afrikanische Lachen falsch zu deuten…Die Afrikaner sind immer so fröhlich, denkt man. Aber schau Mal hinter die Fassade. Seltsam ist aber auch, dass wir in Deutschland oft wenig lächeln, hätten wir doch allen Grund dazu, oder?
Ich beschließe immer wieder eine Balance in meinen Gefühlen zu finden und meine Theaterarbeit zu machen, dafür bin ich schließlich hier.

Bühne frei!

Mitte der Woche begleitet mich meine Freundin Teresia, die Schauspiel an der Universität von Namibia studiert. Sie bringt neue Übung mit und die Kids freuen sich, auch ich lerne noch etwas von ihr. Wir planen eine kleine „Show“ für Freitag. Gruppe eins wird Gruppe zwei die Improszenen vorspielen, die wir einstudiert haben. Einer meiner Favoriten: Ein Mädel, das einen Printer (Inhaber eines Druckerladens) spielt. Sie ist schüchtern, blüht aber während des Spiels auf und besitzt großes komödiantisches Talent. Sie fällt kein einziges Mal aus ihrer Rolle, auch wenn das Publikum lacht.
Klar, dass sich der Alltag der Kids in den Szenen wiederspiegelt. Da wird in der Sheeben (Bar) getrunken bevor man Geschäfte macht, ein Mädchen wird überfallen und ihres Geldes beraubt, aber die Jungs entschuldigen sich am Ende bei ihr. Eine andere Szene zeigt eine Autopanne, und der Mechaniker verlangt ziemlich viel Geld, ohne Wenn und Aber. 
Die „Show“ am Freitag ist ein Erfolg. Die Kinder sind aufmerksam, geben ihr Bestes, sind konzentriert und die Kids, die zuschauen sind ruhig. Ich fiebere mit, vorallem mit den eher schüchternen Kindern, die es letztendlich schaffen, aus sich heraus zu gehen.
Zwei der Volunteers organisierten trommeln und begleiten den Anfang jeder Szene mit Trommelwirbel. Am Ende der „Show“ tanzen ein paar Mädels zu den Trommeln und alle sind happy. Hulda hält eine Abschlussrede und zwei der Kinder kommen stellvertretend für die Gruppe auf die Bühne, um sich bei „Miss Elke“ für den Workshop und den täglichen Lunch zu bedanken.
Der letzte Tag - und ich fühle mich traurig, jetzt Abschied zu nehmen. Gerade habe ich mich hier „eingelebt“ und kann auch mit den vielen Eindrücken umgehen.
Eine Theater-AG gibt es an der Schule nicht. Geschweige denn Musik oder sonstige Aktivitäten. Ich nehme mir vor, wiederzukommen.

Showtime in Katutura

 

 

 

Befindlichkeiten, Drama-Queens und eine gelungene Aufführung

 

 

 

Benjamin spielt die Rolle eines Hip-Hop Stars. Er kam mit dem Double B an, inspiriert von Double G, einem Rapp-Star, den alle Kinder kennen. Tamsen, mein Helfer und ich googeln GG (ein Gangster-Rapper, der einen Song für Kids drauf hat) und lachen über die Kids, die rappen als gebe es kein Morgen. Amüsieren uns über Benjamin und seine Sprüche: „You can walk the walk, but I can talk the talk…”

 

 Benjamin, ist brillant, wenn er seine Rolle spielt, hat es drauf, zeigt die richtige Körperhaltung.

 

Aber nach jeder Probe sagt er: Nein, ich will das nicht mehr spielen. Kann ich morgen bitte den Dieb spielen? Ich sehe Angst und Lampenfieber in seinen Augen. Wie kann ich diese ihm nehmen? Wenn er wüsste, dass ich mich nach jedem meiner Auftritte genauso fühle…Vielleicht sollte ich Benjamin erklären, dass diese Angst zum Schauspielerdasein dazu gehört?

 

Cecilia spielt eine Diebin, (Robber- sagt man hier dazu) sie ist schnell und clever und die Art, wie sie spricht- unschlagbar. Ihre Körperhaltung überzeugt, jeder Handgriff sitzt.

 

Geraldine spielt Police Inspector Rio. Mit ihrer ruhigen Art kann sie sehr streng wirken, wenn sie einen draufsetzt.

 

Michael spielt die Rolle des Prince Michael II. Michael kann nicht böse gucken, er hat immer ein Lächeln im Gesicht. Eine Herausforderung für ihn dem Rapper BB die Stirn zu bieten.

 

Die Girls Victoria und Hendrina spielen Tänzerinnen und Daisy überzeugt als Farmer…sie hat genau die richtige Sprechweise drauf und ihr Auftreten ist lässig.

 

Mitte der Woche wird es Mal wieder chaotisch. Befindlichkeiten machen sich breit. Zänkereien, Aufmerksamkeitsdefizite und Drama-Queens und –Kings nehmen die Bühne in Beschlag. Ich nehme Benjamin zur Seite, erkläre ihm, dass Lampenfieber dazugehört. Gebe ihm eine Motivationspeech zum Thema Angst und Lampenfieber.

 

Versuche, die Mädels aufzubauen, aber an diesem Tag hat keiner Lust.

 

 

 

Wir wollen doch eine Aufführung hinbekommen? Eine zehnminütige Szene, klappt das? Am nächsten Tag wollen die Kids eine andere Szene improvisieren, keine Lust mehr auf Hip-Hop-Stars und deren Probleme. Einen Tanzwettbewerb mit Streit und großem Drama soll es stattdessen sein.

 

Tanzen geht immer, das hab ich schon festgestellt. Also improvisieren wir- die Mädels sind super und machen ihre Akrobatiknummer: Spagat und Sprünge. Dennoch- tausend Mal erkläre ich den kleinen Schauspielern, dass sie bitte nicht aus ihrer Rolle fallen sollen, wenn sie auf der Bühne sind. Diskutieren können wir später. Und warum muss ich eigentlich hundert Mal erwähnen, dass man nicht mit dem Rücken zum Publikum stehen soll? Ich atme tief durch. Es ist Donnerstag und ich frage mich, ob wir unseren kleinen Auftritt hinbekommen werden…am Freitag- für ein ausgewähltes kleines Publikum. Hauptsächlich Volunteers, und ein paar wenige Kids.

 

Freitag: Generalprobe läuft chaotisch. Dennoch wollen alle der Schauspieler unbedingt zeigen was sie können. Schuluniformen wurden gegen Sonnenbrillen und coole Kleidung ausgetauscht. Nach zwei chaotisch-lauten Probedurchläufen bin ich selbst mit den Nerven etwas fertig. Zum Glück hab ich Tamsen dabei, er gibt den Kids eine Motivationspeech und meint, er will es unbedingt schaffen...Den Auftritt. Okay. Wir ziehen das durch

 

Vor einem kleinen Publikum im großen Klassenzimmer zeigen die Schauspieler ihre einstudierte Impro-Szene. Ich staune. Ja, sie haben uns anscheinend zugehört, keiner dreht dem Publikum den Rücken zu, alle konzentrieren sich. Wer hätte das gedacht: Sobald Publikum da ist, sind die Kids wie ausgewechselt.

 

Die Szene, inklusive Tanz, Akrobatik, Bühnenkampf und Happy End bekommt ihren verdienten Applaus. Yes, Ja! Eine erfolgreiche dritte Schauspiel-Woche geht zu Ende.

 

 

 

Alles geht ganz schnell. Ein Schlag ins Gesicht, ein Tritt mit dem Fuß: Cecilia liegt am Boden und es herrscht Stille. Ich wechsele einen Blick mit meinem deutschen freiwilligen Helfer. Er ist beeindruckt. Die übrigen Kids, die die Szene beobachtet haben, klatschen. Ich bin sprachlos für einen Moment. So einen intensiven Bühnenkampf habe ich seit der Schauspielschule nicht mehr gesehen. Cecilia und Geraldine haben sich ganz in ihre Rollen hineinbegeben: Diebin und Polizistin kämpften, ohne sich wirklich zu berühren, aber mit einer Intensität, die  mich schauern ließ. Woher können die Girls das nur?

 

Woche zwei im BNC und ich habe endlich eine Theatergruppe zusammengestellt. Es ist Freitag, wir improvisieren, jeder hat sich eine Rolle ausgesucht. Wir haben einen Hip-Hop-Sänger, ein Prinz, eine Farmerin, eine Tänzerin und die besagte Diebin und Polizistin. Daraus lässt sich etwas machen.

 

Die ganze Woche über hatte ich verschieden Gruppen von Kindern, alle sehr spielfreudig, manchmal anstrengend und sehr laut.

 

Die Kinder nennen mich „Miss Elke“. Kaum tauche ich nachmittags im BNC auf, bin ich umgeben von Kindern, die fragen: Can I go to drama today? Miss? Miss?!

 

Oh, ich kann nicht alle nehmen.

 

Ich freue mich, dass es Spaß macht. Benjamin, ein sehr begabter Junge, umarmte mich spontan, als ich ihm sagte, er könne in die Theatergruppe kommen. 

 

Unser Ziel: Eine kleine Szene improvisieren und einstudieren und sie am Ende der dritten Woche den anderen vorzuführen.

 

Ich bin zuversichtlich.  

 

Erste Woche

 

Schauspielen in Katutura

 

 

 

 

 

Theater im Waisenhaus

 

Ich vereinbare einen Termin mit der Leiterin des Waisenhauses, um über den Workshop zu sprechen. Schon von Deutschland aus habe ich mit ihr E-Mails ausgetauscht, sie schrieb, sie freue sich, dass ich einen Theaterworkshop für die Kinder geben werde. Das Waisenhaus liegt in Katutura, Kinder öffnen mir das Tor und hängen sich sofort an mich, berühren mein Haar, meine Hände. Ein junges deutsches Mädel ist als freiwillige Helferin hier und erklärt mir, die Leiterin sei im Moment nicht da. Ich warte, dann schreibe ihr eine SMS. Es täte ihr leid, sie habe den Termin vergessen, schreibt sie. Ich solle stattdessen mit dem Koordinator sprechen. Das tue ich auch und er gibt mir das Okay für den Workshop, will eine Gruppe acht bis zwölfjähriger Kids für mich organisieren.

 

Ich plaudere noch etwas mit der Deutschen. Sie hat gerade Abitur gemacht und hilft nun hier. Sie wollte an einen Brennpunkt wie diesen, sagt sie und führt mich herum. Es gibt verschiedene Häuser, eines für die Babys, eines für Kleinkinder, eines für die älteren Kids. Die Babys sind süß. Ein sieben Monate altes Baby wurde in einem Bus “vergessen“ und dort gefunden. Nun ist es hier und schreit nach Muttermilch. Die Angestellten und die Volunteers füttern die Babys und Kleinkinder gegen Mittag. Ich schaue zu und die Deutsche berichtet mir von den Zuständen; dass es hier oft an Windeln mangelt und sie deshalb den Kindern ab einer bestimmten Uhrzeit nichts mehr zu trinken geben.  Es ist chaotisch, sagt sie, die Kinder sind wild. Sie erzählt mir, dass sie zu zweit einmal eine Gruppe von vier Kids in Englisch unterrichtet hätten. „Es ging sehr wild zu.“

 

 

 

Montag. Workshopbeginn. Ich habe eine Tüte voller Hüte und Verkleidungen dabei. Unteranderem auch Pappteller, aus denen wir Masken basteln können.

 

Niemand da, auch der Koordinator nicht. Nur ein Haufen gelangweilter Kids, die sich sofort auf uns stürzen.  Meine Bekannte Getrude ist dabei, um zu helfen. Die Kinder sind zu jung und zu wild, um Theater zu spielen. Wo ist meine Gruppe, die der Koordinator für mich zusammentrommeln wollte? 

 

Die Kids greifen schreiend nach meiner Tasche, ohne zu fragen, sie wollen spielen. Sieht so aus, als hätten sie hier wenig Spielzeug. Wir fangen einfach an. Ich fühle mich jetzt schon leicht überfordert, denn alle zerren an mir und sprechen durcheinander. Ich lasse einen Schrei los. Kurz Ruhe. Getrude ruft die Kids auf Afrikaans zur Ordnung. Wir versuchen unsere Bastelsachen auszupacken ohne, dass sie uns aus den Händen gerissen werden. Dann starten wir…Masken basteln. Eigentlich wollte ich Theaterübungen machen, aber ich sehe, dass es nicht geht, weil die Kids kaum zu bändigen sind.

 

Wir basteln Masken, Farbstifte, Glitzer, Pappe…alles ist durcheinander, aber irgendwie geht es und die Kids haben Freude am Basteln und sausen am Ende mit den fertigen Masken durch die Gegend.

 

Eigentlich hatte ich dem Koordinator gesagt, ich würde die ganze Woche über kommen. Aber das werde ich nicht…Sowie die Organisatoren mich vergessen haben, werde ich einfach vergessen zu kommen. Die Kids hier brauchen alles andere als Theater: Spielzeug, klare Richtlinien, genügend Windeln und Wasser.

 

Es tut mir leid, ich bin weder Sozialarbeiterin noch Pädagogin, ich kann das nicht. Und tatsächlich fällt es auch nicht auf, als ich am nächsten Tag einfach nicht erscheine, sondern ins BNC fahre.

 

 

 

Kein Drama im BNC

 

Marybeth, eine Amerikanerin, leitet das BNC (Bernard Nordkamp Centre), ein After-School-Programm, seit über zehn Jahren. Die Kids sind wild, aber Marybeth hat sie unter Kontrolle und hier halten sie sich an die Regeln. Marybeth ist eine energische Frau, höflich, amerikanisch gut gelaunt, führt sie ihre Institution nach dem Motto: Zuckerbrot und Peitsche.

 

„20 000 Kinder leben in Katutura, aber ich kann nur 120 aufnehmen. Es gibt eine lange Warteliste“, erzählt sie mir. Man kenne sie in Katutura und ihre Einrichtung habe einen guten Ruf. Die Kinder lernen Manieren und sich an  einfache Regeln zu halten, wie Danke und Bitte sagen. Sie haben Spiele und es gibt jeden Mittag Lunch. Jedes Kind hat einen Sponsor in den USA oder Europa, welcher es finanziell unterstützt.
„Die First Lady besuchte mich und fand, es solle einen Ort wie diesen an jeder Ecke in Katutura geben“, berichtet Marybeth.

 

Ich bekomme einen eigenen Raum, in dem ich den Theaterworkshop halten kann. Drama heißt das in Englisch- aber ohne mich. Die meisten Kids spielen Drama in der Schule, es geht meist um HIV oder den Alltag der Kids, erklärt Marybeth. In Drama spielen ihre Realität: Trinkende Väter, weinende Mütter.

 

Ich entschließe mich etwas Lustiges zu machen: Comedy.

 

Und tatsächlich, es läuft besser, die Kinder machen mit. Wir machen Kennenlern-Spiele, Stimmübungen, tanzen und improvisieren eine lustige Szene. Ich stelle fest, dass manche der Kinder sehr expressiv sind, keine Scheu haben, sich zu zeigen. Ich spotte einige Schauspiel-Talente und am Ende des Workshops haben alle ein Lächeln im Gesicht, inklusive der Schauspielerin, die ihren ersten Workshop für namibische Kids hinter sich gebracht hat.

 

„This is reality“- dies ist die Realität, sagt Samuel Kapepo über Katutura.

 

Katutura - nur zwanzig Minuten Fahrt entfernt von Windhoek, wo die meisten Menschen ein gutes Leben führen, mit Swimmingpools, Palmen im Vorgarten und dicken Autos im Hof.

 

Fährt man nach Katutura, ändert sich das Stadtbild; Wellblechhüten, Kinder, Menschen, Hunde wuseln auf den Straßen herum. Es ist staubig, Müll liegt am Boden.

 

An den Außenrändern von Katutura befinden sich sogenannte Informel Settelments, Siedlungen, die aus Wellblechhütten und improvisierten Shacks bestehen.

 

Es gibt kein Strom. Wasser kommt aus einem Schlauch.

 

Meine Bekannte Getrude begleitet mich nach Katutura. Sie lebt auch dort, aber in einem etwas besseren Teil. Katutura besteht aus verschiedenen Stadtteilen, in manchen stehen Wohnhäuser mit Strom und Wasser, in anderen Teilen Wellblechhütten ohne Letzteres. Wir befinden uns in Ombili, was übersetzt „Frieden“ bedeutet.

 

Samuel ist ein Kind von Katutura- er wuchs hier auf, lebte lange auf der Straße, und startete vor einigen Jahren seine Suppenküche. Lange Zeit war er in einer Gang aktiv, aber sein Leben änderte sich, als er angeschossen wurde, und in einer Lache Blut auf der Straße lag. Es waren Kinder, die ihm das Leben retteten. Er beschloss, ihnen etwas zurückzugeben.

 

Ich kenne Katutura bisher nur von seiner Touri-Seite: Kapana- Fleischmarkt, dort wo die meisten Besucher dieses Landes einmal hingehen, um gegrillte Fleischstücke zu essen und über den bunten Markt zu schlendern. Nun führt uns Samuel in ein Informal Settelment. Wir folgen ihm auf einem Pfad zwischen Wellblechhütten.

 

Die Menschen, die hier leben, kommen teilweise aus dem Norden Namibias nach Windhoek in der Hoffnung auf Arbeit und stranden hier. Samuel führt uns in eine Shack: Hier wird selbstgebrautes Bier verkauft. Wir kaufen einen Krug und Samuel sagt, dass viele so überleben würden; Bier verkaufen, um ein wenig Geld zu verdienen. Es enthält nicht viel Alkohol, man muss viel davon trinken, um betrunken zu werden. Und hier wird sehr viel getrunken. 

 

Vor der Shack sitzen Männer, in einer anderen Ecke spielen Jugendliche Karten. Neben der Hütte rupft eine Frau ein Huhn auf dem staubigen Boden. Im Inneren der Wellblechhütte ist es brütend heiß und die Besitzerin schöpft das Bier mit einem Krug aus einer blauen Plastiktonne. Wir nehmen den Krug und stellen ihn auf den Tisch der Männer. Samuel wünscht allen Frohe Weihnachten und wir ziehen weiter. „Everybody loves me- everybody knows me here“, sagt Samuel.  Und tatsächlich, jeder grüßt ihn, er bleibt hier und da stehen und redet, stellt uns vor. Samuel spricht mit einem dünnen Mann und erzählt später, dass er ihn unterstützt, weil er Aids hat und in der Vergangenheit vergewaltigt wurde. Auch Männer können Opfer sein, meint Samuel und mir wird ganz anders. Ich blicke mich um, sehe Müll zwischen den Hütten, es riecht nach Abfall und Urin. Die Menschen hier gehen in die Büsche, um ihr Geschäft zu machen.  Um sich zu waschen, gibt es Plastikwannen, die durch Plastikplanen verdeckt werden. Das sei nicht sicher für Frauen, meint Getrude, da man sehr leicht eindringen könne. Außerdem: „Nachts ist es hier dunkel, es gibt keine Beleuchtung. Das ist gefährlich“, sagt sie. Wir folgen Samuel tiefer in den Wellblechhüttenwald. Sagen hier und da Hallo, Kinder begrüßen uns. Ich blicke in ihre Gesichter und kann darin von einem Leben lesen, dass sehr schmerzhaft sein muss. Der Ausdruck in den Augen eines kleinen Jungen ist der eines alten Mannes- als wäre ein Licht in ihm erloschen. 

 

Nach der Führung durch das Settelment zeigt Samuel uns seine Bleibe: Eine etwas stabilere Wellblechhütte, im Inneren hat er Kühlschrank, Fernseher und alle Geräte des täglichen Lebens. Es gibt ein Badezimmer bei seiner Vermieterin, das er benutzen kann. Samuel hat zahlreiche Awards für seine Suppenküche gewonnen und zeigt diese uns. Anschließend sprechen wir über Samuels Projekt, mein Vorhaben und wie ich involviert werden kann. Zurzeit sind Ferien…die Suppenküche ist geschlossen. Theaterworkshop für 120 Kids zu geben, würde etwas heftig...Was können wir tun? Wir beschließen, am 25. Dezember ein Weihnachtsbraai (Grillfest) für die Kinder seiner Suppenküche zu veranstalten. Hotdogs und ein paar Spiele für die Kids, soweit der Plan.

 

Samuel hält meine Idee Theaterworkshops zu geben für gut. Am 12.Januar starte ich einen Workshop in Katutura, jedoch mit einer anderen Hilfsorganisation. Bis dahin werde ich weiter Recherche betreiben und die Lage erkunden.

 

Getrude findet meine Idee auch nützlich, meint, dass ich den Kindern erzählen soll, was Theater ist, worin es besteht. Sie hält Kunsterziehung für wichtig, meint, dass Bildung ein Weg aus der Armut ist und erzählt mir, dass die meisten Kinder zur Schule gehen, denn diese ist kostenlos.

 

Nachdenklich kehre ich aus Katutura zurück nach Eros- in dieses Luxusleben. Ich kann einfach nicht begreifen, wie diese große Kluft von Arm und Reich so nahe beieinander existieren kann. Natürlich, dafür gibt es Erklärungen, aber ich be-greife es einfach nicht.

 

 

 

 

 

 

 

Weihnachtsbraai für Samuels Kids

 

 

 

Der Einkauf von Brötchen, Würstchen und Ketchup gestaltet sich abenteuerlich. Wir kaufen alles in Katutura, um lokale Geschäfte und Händler zu unterstützen. Im Supermarkt sprechen Bekannte Samuel darauf an, wie lucky er doch sei, dass eine Shilungu (weiße Person), ihm Weihnachtsgeschenke kauft.  So ist das nicht, aber gut, ich lächle freundlich. Ich spendiere die Würstchen von meinem Budget, es ist nicht teuer, da der Wechselkurs (Euro/Namibia Dollar) gutsteht. Beim Metzger kaufen wir Boerwors (Bauernbratwürste). Die Verkäuferin schaufelt uns die Wurstketten in Plastiksäcke. Hier ist alles ganz einfach gehalten, Das Fleisch liegt in Plastikwannen in der Kühltheke. Dann plötzlich lautes Geschrei, und ein Metzger stürmt hinter der Theke hervor, hinaus auf die Straße.  Jemand hat eine Tüte voller Fleisch gestohlen. Kurze Aufregung und allgemeines Murren, dann kehrt der Metzger mit der Fleischtüte zurück und die Lage ist wieder beruhigt. „Das ist Katutura“, meint die Verkäuferin nur achselzuckend. Wir nehmen unsere Würste und machen uns auf den Weg. Die Lebensmittel verstauen wir bei Samuel zuhause.

 

Ich frage Freunde und Bekannte, ob sie am Sonntag helfen und zwei sagen zu.

 

Sonntagmorgen- Ombili Community Center. Samuel und seine Volunteers bauen den Grill auf, ich spüle Plastikbecher, die ersten Kids stürmen auf den Spielplatz des Zentrums. Ich warte auf meine Bekannten, eine hat abgesagt, die andere findet das Community Center nicht. Was soll`s, dann bin ich halt die einzige Fremde hier. Für die Kids habe ich Wasserballons besorgt, wir füllen diese auf. Die Idee: Auf Löffeln sollen diese Wasserbomben balanciert werden, am Ziel bekommt der Sieger eine kleine Belohnung. Das Problem: Die Kids sind ein wilder Haufen, reden, schreien und wuseln durcheinander, ich schaffe es nicht zwei Teams zu organisieren, weil jeder gleichzeitig dran sein will. Manche der Kinder verstehen kein Englisch, klärt mich ein Volunteer auf, und greift ein, indem er die Kids auf Oshivambo zur Ordnung ruft. Wir starten das Spiel, das ganz gut läuft, alle haben Spaß.  Dennoch bleibt es chaotisch. Als ich die restlichen Ballons verteilen will, überrennen mich die Kinder fast und reißen mir die Tüte aus der Hand. Uh, das bin ich nicht gewohnt. Zum Glück sind die Hotdogs jetzt fertig und wir verteilen diese. Dafür stehen alle brav an. Ich komme kaum zum Durchschnaufen. Als es vorbei ist, wird mir klar, dass viele der Kinder Waisen sind und wahrscheinlich keine Erziehung genossen haben.

 

Das kann man einfach nicht mit den Kindern vergleichen, die ich aus Deutschland gewohnt bin.

 

 Aber Samuel hat alle im Griff. Ich sehe schon: Da muss man durchgreifen und auch Mal einen Schrei loslassen…

 

Alle sind ruhig und essen im Schatten. Aus der Stereoanlage ertönt „Silent Night“- es ist Weihnachten in Katutura.