Mit der Axt durch Whitehorse

             

Wayne war so ein Typ mit militärischem Bürstenhaarschnitt und toughen Gesichtsausdruck, der aber Ingwertee mit Honig zum Frühstück trank. Es waren meine ersten Tage in Whitehorse, im Hostel. Und ich wurde von Wayne in die Gewohnheiten des Yukon-Lebens eingeführt: Nächtelang am Feuer sitzen  oder tanzen, Life is good.

Ich hatte mich nicht über den Yukon informiert, bevor ich hier ankam, war also überrascht, dass die Sonne nicht untergehen wollte. Willkommen am sechzigsten Breitengrad!

Hier war ich also, im Land der Mitternachtssonne und befand mich auf der Suche nach einem Job. Wayne schlug vor, dass ich in eine bestimmte Bar gehen solle, in der Main Street.

„Geh da hin, sag der Chefin, dass ich dich schicke.“

Wir saßen vor dem Hostel um ein Lagerfeuer und grillten Würstchen und Marschmallows.

Es war noch früh in der Touristen-Saison: Anfang Juni. Und Schnee lag noch ganz oben auf den Bergen. Vom Hostel aus hatte man einen schönen Blick auf die Clay Cliffs; die Tonklippen, die einmal das Ufer eines Sees markierten. Dort, wo heute Whitehorse liegt, war in der Eiszeit ein See.

Wir saßen am Feuer und vergaßen die Zeit. Die Sonne verabschiedete sich träge um halb zwei nachts, aber es blieb hell.

Ein Koreaner fuhr mit einem Taxi vor. Er lebte im Hostel, sprach nicht viel und arbeitet als Taxifahrer in der Stadt. Er brachte eine Plastiktüte mit Elchfleisch mit. Ein Kunde hat ihm das Fleisch als Bezahlung gegeben. Wir legten es auf den Grill und genossen dann Elchfleisch. Um fünf Uhr morgens.

Wayne meinte, er hätte eine stille Freundschaft mit dem Koreaner, der nicht viel redete, aber gerne teile. Irgendwann ging ich rein und legte mich in mein Bunk Bett um ein paar Stunden zu schlafen. Viel Schlaf brauchte ich nicht, die Sonne spendete endlose Energie.

Am nächsten Morgen fragte Wayne mich, ob ich Lust hätte, mit ihm eine neue Axt zu kaufen. "Ich habe die alte Axt gestern Abend kaputtgemacht", sagte er und rieb sich über die Stirn. Wie das passiert war, wusste er nicht mehr. Zuviel getrunken...

Also zogen wir los, um eine neue Axt zu kaufen. Da der Heimwerkermarkt am anderen Ende der Stadt liegt, mussten wir mit der Axt durch die ganz Whitehorse zurücklaufen. Wayne legte die Axt über seine Schulter und erzählte mir, wie wichtig eine Axt im Yukon ist: um in der Wildnis Pfade zu schlagen, um Holz für den Winter oder für Grillfeuer zu hacken.

„Ein echter Yukoner weiß, wie man Holz hackt!“, sagte er und lachte. Er wusste es offensichtlich noch nicht.

Wir kamen am Liquor Store vorbei und Wayne drückte mir die Axt in die Hand.

„Sieht schlecht aus, wenn ich mit der Axt da  rein marschiere“, sagte er. Anschließend

schlenderten wir mit einem Sixpack Bier und der Axt durch die staubigen Straßen zurück zum Hostel.

Ein Polizeiauto hielt uns an.

„Die halten mich für den Axtmörder von Whitehorse“, grinste Wayne und ich wurde nervös, als ich das ernste Gesicht des Officers sah.

"Wo wollt ihr mit dem Bier und der Axt hin?", fragte er uns.

"Ins Hostel", sagte Wayne.

Der Officer machte einen Witz, den ich nicht verstand.

Aber Wayne witzelte mit und der Polizist ließ uns ziehen.

„Der kennt mich“, sagte Wayne zu mir, als der Officer davon fuhr.

„Woher?“

Wayne arbeitete in einer Bar und musste oft Betrunkene rausschmeißen und die Polizei anrufen- wie im Wilden Westen.

Wir lieferten die Axt sicher im Hostel ab.

 Den Job in der Bar bekam ich übrigens. Nach zwei Tagen schmiss ich ihn hin, und brannte mit einem Musiker nach Alaska durch, aber das ist eine andere Geschichte.

 

18 Stunden in Dawson City

 

 „Erzähl das bloß keinem!“, sage ich zu meiner Freundin Nancy, als wir wie zwei Cheechakos* mit fast leeren Tank an einer Tankstelle vor Dawson City stranden.

Es ist April und wir haben spontan beschlossen, einen Wochenend-Trip nach Dawson City zu unternehmen. Sind doch nur 600 Kilometer von Whitehorse aus.

Die Tankstelle ist ein Automat mir einer Zapfsäule. Der Automat funktioniert nicht und weit und breit ist niemand zu sehen.

Wir steigen wieder ins Auto. Ein Bodenrest Benzin befindet sich noch im Tank.

Es ist nicht mehr weit bis Dawson. Nancy startet den Motor.

„Wir schaffen es bis in die Stadt“, sage ich zu meiner Freundin und versuche cool zu sein. Sie ist nervös, ich bin es auch.

„Geb nicht zu viel Gas“, rate ich ihr.

Am Highway tauchen schon die ersten Werbeschilder für Dawson auf. Ein Holzschild wirbt für einen Besuch im Diamond Tooth Gerties Casino, ein anderes für das Bonanza Motel. Jetzt müsste die Stadt doch gleich auftauchen.

„War die Einfahrt nach Dawson schon immer so lang? Das zieht sich ja ewig hin“, sagt Nancy. Ich denke das gleiche. Und dass wir nicht getankt haben seit Whitehorse.

Wir schaffen es.Wir sind keine Cheechakos, wir sind Yukoner, schließlich leben wir beide hier, ich seit einem Jahr und sie seit zwei Jahren.

Endlich tauchen die ersten Gebäude vor uns auf und der Deich am Yukon Fluss.

Die Straßen sind schlammig und Schnee liegt an der Seite. Wir haben es gleich geschafft. Mit dem letzten Tropfen Benzin kommen wir an der Tankstelle an. Und ja, sie ist offen!

Ich kenne Dawson City nur im Sommer, wenn die Holzgehwege voller Touristen sind. Motoräder stehen dann vor den Hotels, Frauen in weiten Röcken wie zu Zeiten des Goldrausches laufen durch die Straßen und die Mitternachtssonne scheint.

Nun ist kaum ein Mensch auf unterwegs.

Wir checken ins Downtown Hotel ein. Nach der sieben Stunden langen Fahrt sind wir hungrig und freuen uns auf einen Burger im Hotel Restaurant. Einem echten Saloon mit Schwingtüren, wie aus einem Western.

Die Wände sind aus Holz, die Stühle und Bänke rot und zwei Flügeltüren führen ins Restaurant.

Wir bestellen Burger bei der Barfrau. In einer Ecke sitzt Kapitäm Dick, ein bärtiger Mann, und wartet auf Mutige, die den Souertoe Cocktail trinken wollen. Ein Cocktail mit einem echten menschlichen Zeh drin.

„Ich will erst mal was essen“, sage ich zu Nancy, die fragt, ob wir uns das antun sollen.

Die Barfrau kommt an unseren Tisch.

„Es tut mir leid“, sagt sie, „der Koch hat gerade gekündigt, ich muss eure Bestellung stornieren.“

„Was, wieso das denn?“

Sie zuckt die Schultern, lächelt entschuldigend, und schaut zu zwei Männern an einem Ecktisch.

„Esst nicht hier“, sagt ein korpulenter Mann mit Glatze.

„Wir haben uns über das Essen beschwert und jetzt hat der Koch das Handtuch geschmissen. Besser so“, sagt der Typ. Mein Magen knurrt, ich würde jetzt auch einen Teller ranziger Pommes essen, so hungrig bin ich.

„Okay“, meint Nancy, „Zeit für den Sourtoe Cocktail."

Wir gehen hinüber zuCaptain Dick und setzen uns, todesmutig.

Da liegt er, der schwarze, verschrumpelte Zeh. Es riecht etwas streng.

"Was dich nicht umbringt, macht dich stärker", sagt der bärtige Mann mir gegenüber. Ich nicke nur. Jetzt wird es ernst. Der Zeh kommt in den Whiskey. Ich greife nach dem Glas, kneife die Augen zusammen und trinke - auf Ex. Meine Lippen berühren den Zeh und ich bin drin. Im Sourtoe-Club.

Seit den achtziger Jahren ist der Sourtoe Cocktail eine Mutprobe im hohen Norden Kanadas. Die Geschichte, die dahinter steckt, geht zurück auf einen Alkoholschmuggler, der während der Prohibition Whiskey und Rum mit dem Hundeschlitten schmuggelte. Er fror sich einen Zeh ab und packte ihn kurzerhand in ein Glas mit Rum.  Er hatte keine Zeit zu verlieren, da ihm die Polizei auf den Fersen war. Als er den Alkohol sicher in den Yukon gebracht hatte, stellte er das Glas mit seinem Zeh in ein Regal seiner Blockhütte und vergaß es dort. Jahrzehnte später, nach seinem Tod fand Yukon-Flussdampfer-Kapitän Dick das Glas mit dem Zeh und erfand die berühmte Mutprobe. Wer den Zeh küsst gilt als besonders mutige Person und bekommt einen Club Ausweis. Wer den Zeh verschluckt, muss 2500 Dollar Strafe zahlen.

Mir ist etwas schummrig, da Whiskey auf leeren Magen.

 Wir verlassen das Downtown Hotel und gehen zum nächsten Restaurant. The drunken Goat, einem Grieche.

Dort treffen wir den Glatzkopf vom Hotel wieder, der unsere Drinks bezahlt. Wie nett.

                                                                                              

Was macht man also in Dawson City an einem Samstagabend? Richtig, wir gehen in The Pit, die Kult Gold-Rush-Bar im Gebäude des Westmister Hotels, das mit dem Slogan wirbt: Sleeping optional.

Es ist laut, Leute spielen Karten, Felle und Schneeschuhe hängen an den Wänden. Wir setzte uns an die Bar und bestellen Bier, man mustert uns mit diesem Blick, der sagt: Touristen.

Eine Frau sitzt auf dem Schoß eines zahnlosen Indianers und lacht gellend. Der bärtige Mann mir gegenüber hat einen goldenen Schneidezahn und grinst mich an.

Ich hab jetzt keine Lust mit Nancy auf Deutsch zu reden, weil wir dann doppelte Touristen sind. Wir trinken aus und gehen wieder in den Saloon des Downtown Hotels auf einen Absacker.

Am nächsten Tag spazieren wir etwas verkatert am Fluss entlang. Der Yukon ist noch gefroren. Ein Pfahl an dem eine Schnur gebunden ist, fällt mir auf. Das ist der Eisbrecher- Alarm: Wenn das Eis aufbricht, wird ein Feueralarm ausgelöst und jeder im Ort stürmt sofort zum Yukon. In den Geschäften liegen Wettscheine aus: Dort kann man das Datum und die Uhrzeit eintragen, für den BreakUp. Der Gewinn liegt zwischen 3000-4000 Dollar.

Wir schlendern durch die schlammigen Straßen, die Sonne scheint, die Gebäude sind schief und krumm. Dawson eben. Und ich fühle mich schon gar nicht mehr so Cheechako-mäßig.